Infrastruktursystem Abfall – Kernergebnisse des Foresight-Reports
Das Infrastruktursystem Abfall erbringt zentrale Leistungen der Daseinsvorsorge: Es sorgt für die hygienisch sichere Erfassung, Behandlung und Entsorgung von Abfällen und schützt damit Umwelt und öffentliche Gesundheit. Ein Teil des Infrastruktursystems Abfall, die Siedlungsabfallentsorgung, ist seit 2021 als kritisches Infrastruktursystem eingestuft. Neben der sicheren Entsorgung erfüllt das System eine ressourcenpolitische Funktion. Durch Abfallvermeidung, Wiederverwendung und Recycling sowie durch die Bereitstellung von Sekundärrohstoffen trägt es zur Rohstoffversorgung und zur Minderung von Umwelt- und Klimabelastungen bei; nicht verwertbare Abfälle erfordern eine dauerhaft sichere Deponierung.
Der Foresight-Report zum Infrastruktursystem Abfall bündelt die Ergebnisse des Resilienz-Radars. Darin werden Trendcluster beschrieben, die die zukünftige Entwicklung des Systems maßgeblich beeinflussen könnten. Zudem werden systemische Risiken bewertet und aufgezeigt, inwiefern bestehende Pfadabhängigkeiten die Erreichung von Transformationszielen erschweren oder unterstützen. Den Abschluss bilden drei Fokusthemen, die im Rahmen des Resilienz-Checks vertieft untersucht werden können. Bei der Umsetzung des Resilienz-Radars wurde die Expertise interner und externer Expert/innen eingebunden.
Auf dieser Microsite finden Sie die Kernergebnisse des Foresight-Reports. Die vollständigen Ergebnisse können Sie demnächst hier herunterladen.
Das heutige Infrastruktursystem Abfall (vgl. Systembild) ist Ergebnis einer jahrzehntelangen technischen, rechtlichen und organisatorischen Entwicklung. Es umfasst mehrere eng verzahnte Funktionsbereiche mit jeweils spezifischen Akteuren, Zuständigkeiten und Infrastrukturen. Die Bandbreite reicht von einfach strukturierten Sammelsystemen bis hin zu hoch technisierten Sortier‑, Behandlungs- und Aufbereitungsanlagen. Entsprechend heterogen ist das Akteursfeld: Es reicht von kommunalen Entsorgern über spezialisierte Verwertungsbetriebe bis zu international agierenden Recycling- und Rohstoffkonzernen. In der vorliegenden Analyse liegt der Fokus auf den folgenden Bereichen:
Abfälle fallen in privaten Haushalten, Gewerbe- und Industriebetrieben an. Bereits hier entscheiden Produktdesign, Konsumverhalten sowie Reparatur- und Wiederverwendungsinitiativen darüber, wie viele Rohstoffe überhaupt zu Abfall werden. Reparatur- und Wiederverwendungsinitiativen – etwa Second-Hand-Plattformen und Repaircafés im Haushaltsbereich sowie gewerbliche Sharing- und Leihmodelle (zum Beispiel Werkzeugpools, Betreibermodelle für Maschinen und Geräte) – tragen zur Abfallvermeidung bei. Wichtige Akteure sind Konsument/innen, produzierende Unternehmen, Einzelhandel, Umwelt-NGOs und kommunale Abfallberatungen.
Die getrennte Erfassung erfolgt entweder als Holsystem (Abholung direkt am oder in der Nähe des Grundstücks) oder als Bringsystem, bei dem Haushalte Abfälle selbst zu Sammelstellen bringen – dazu zählen Wertstoff- und Recyclinghöfe ebenso wie ortsfeste Container. In Ballungsräumen ergänzen Zwischenlager und Umladestationen die Logistik. Hauptakteure sind die öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträger – in der Regel Landkreise und kreisfreie Städte –, die die Entsorgungspflicht für Siedlungsabfälle tragen, Abfuhrpläne erstellen, Gebühren erheben und die Qualität der Getrenntsammlung überwachen. Mit der operativen Durchführung – Sammlung und Transport – können sie kommunale Entsorgungsbetriebe oder privatwirtschaftliche Sammel- und Logistikunternehmen beauftragen.
Eingesammelte Fraktionen werden in Sortier- und Aufbereitungsanlagen – betrieben von kommunalen Entsorgungsbetrieben, privatwirtschaftlichen Anlagenbetreibern sowie dualen Systemen (zum Beispiel im Bereich Verpackungen) – mechanisch sortiert und vorbehandelt, um möglichst reine Materialströme zu erhalten und Schadstoffe sicher abzutrennen. Restabfälle mit organischen Anteilen werden in mechanisch-biologischen Behandlungsanlagen aufbereitet, um Volumen und Emissionspotenzial vor einer anschließenden Deponierung oder energetischen Verwertung zu reduzieren. Betreiber von Sortier- und Aufbereitungsanlagen arbeiten daraufhin, die Ausbeute an Sekundärrohstoffen zu maximieren.
Die Verwertungs- bzw. Recyclingphase gliedert sich in drei Hauptpfade: Erstens die werkstoffliche Verwertung, bei der die Abfälle stofflich recycelt und als Sekundärrohstoffe erneut in die Produktion eingebracht werden. Zweitens die rohstoffliche Verwertung durch chemische oder biologische Verfahren (zum Beispiel Pyrolyse, Vergasung, Vergärung), die mengenmäßig bislang eine untergeordnete Rolle spielt. Drittens die energetische Verwertung, bei der Restabfälle in Müllverbrennungsanlagen thermisch verwertet und in Strom bzw. Wärme umgewandelt werden. Heizwertreiche Fraktionen werden zudem als Ersatzbrennstoffe in der Zement- und Stahlindustrie eingesetzt. Wesentliche Akteure sind Recyclingbetriebe, Kompostier- und Biogasanlagen, Energie- und Fernwärmeversorger sowie die Zement- und Stahlindustrie.
Für nicht verwertbare Reststoffe stehen Deponien und – bei besonders gefährlichen Abfällen – Sondermüllendlager zur Verfügung. Deponiebetreiber (häufig kommunal), spezialisierte Entsorger, Ingenieurbüros und Umweltbehörden sorgen für Genehmigung, Betrieb, Langzeitüberwachung sowie das Management von Deponiegas und Sickerwasser.
Das Infrastruktursystem befindet sich in langfristigen Veränderungsprozessen, drei zentrale Transformationsziele konnten im Resilienz-Radar für das Infrastruktursystem identifiziert werden:
Stärkung zirkulärer Stoffströme und Abfallvermeidung: Die klassische Abfallwirtschaft — mit dem Ziel der sicheren Beseitigung und Schadstoffkontrolle — wird zunehmend durch das Leitbild der Kreislaufwirtschaft ergänzt und erweitert, das Abfallvermeidung und die möglichst vollständige Rückführung von Stoffen in den Produktionskreislauf in den Vordergrund stellt. Abfallvermeidung, Wiederverwendung und die Nutzung von Sekundärrohstoffen (plus High-Quality-Recycling, neues Recycling) sollen deutlich ausgebaut werden. Obwohl diese Prinzipien seit Langem in der Abfallhierarchie verankert sind, bleibt ihre konsequente Umsetzung weiterhin eine zentrale Aufgabe. Die Stärkung der Kreislaufwirtschaft durch die Entwicklung leistungsfähiger Recyclingstrukturen kann die Rohstoffsouveränität Deutschlands stärken und internationale Abhängigkeiten verringern.
Klimaschutz und Klimaanpassung: Auch die Gewährleistung der ökologischen Nachhaltigkeit, insbesondere des Klimaschutzes, im Infrastruktursystem Abfall sowie die Anpassung an die Folgen des Klimawandels nach wie vor aktuell. Die Emissionen in allen Bereichen der Abfallwirtschaft müssen weiter reduziert werden und Schadstoffeinträge in die Umwelt vermieden werden. Die Nutzung von Sekundärrohstoffen in der Kreislaufwirtschaft leistet dabei auch einen Beitrag zum Klimaschutz, da dadurch Emissionen aus dem Rohstoffabbau und der -verarbeitung in anderen Sektoren gemindert werden. Zwar hat die Abfallwirtschaft ihre Treibhausgasemissionen in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits deutlich verringert, dennoch entstehen beim Verbrennen fossiler Abfälle Emissionen, die nicht vollständig durch energetische Nutzung kompensiert werden können. Zudem müssen im Zuge der globalen Erwärmung Klimaanpassungsmaßnahmen umgesetzt werden – von der Absicherung von Sammelstellen bis hin zur Sicherung bestehender Anlagen und Deponien beispielsweise für den Fall von Überschwemmungen.
Digitale Integration und Datensteuerung: Auch für die Abfallwirtschaft sind digitale Integration und Datensteuerung von großer Bedeutung. Der Digitalisierungsgrad ist derzeit noch geringer als in anderen Infrastruktursystem und unterscheidet sich zwischen unterschiedlichen Teilen des Systembilds und den unterschiedlichen Stoffströmen in der Abfallwirtschaft. Dennoch werden einerseits betriebliche Strukturen immer mehr digitalisiert, andererseits werden auch Verfahren, beispielsweise im Recycling, zunehmend von digitalen Technologien unterstützt. Für die Stärkung der Kreislaufwirtschaft ist eine systematische Datenerfassung und Vernetzung essenziell. Digitale Technologien und Anwendungen können Materialflüsse optimieren, Recyclingverfahren verbessern und Transportemissionen senken. Auch aus der Perspektive einer technologischen Vorreiterposition Deutschlands ist die Entwicklung von digitalen Technologien für die Abfallwirtschaft von großer Bedeutung.
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) (2026): Foresight-Report zum Infrastruktursystem Abfall. Kernergebnisse (Autor/innen: Bledow, N.; Kehl, C.; Kahlisch, C.; Evers-Wölk, M.; Riousset, P.). Berlin. https://foresight.tab-beim-bundestag.de/reports/abfall