Systemische Risiken und ihre Auswirkungen auf das Infrastruktursystem Abfall
Das Infrastruktursystem Abfall ist von zentraler Bedeutung für die Gesundheits-, Umwelt- und Rohstoffsicherheit. Gleichzeitig macht seine hohe Vernetzung das System anfällig für systemische Risiken: Störungen in einzelnen Funktionsbereichen können sich über technische, organisatorische und ökonomische Abhängigkeiten ausbreiten und weitreichende Kaskadeneffekte auslösen.
Wenn aus einzelnen Störungen systemische Risiken werden
Systemische Risiken betreffen nicht nur einzelne Anlagen, Prozesse oder Akteure. Sie können die Funktionsfähigkeit und Stabilität des gesamten Infrastruktursystems gefährden und dabei auch auf weitere Infrastruktursysteme übergreifen. Kennzeichnend für systemische Risiken sind:
- komplexe und nichtlineare Wechselwirkungen
- Kaskaden- und Verstärkungseffekte
- die Überschreitung geografischer, sektoraler und sozialer Grenzen
- schwer vorhersehbare Wirkungsketten
- mögliche Kipppunkte, an denen sich Veränderungen abrupt verstärken
- eine häufig verzögerte gesellschaftliche Wahrnehmung und Regulierung [1]
Systemische Risiken wirken daher selten isoliert. Durch vielfältige Abhängigkeiten können sich Störungen gegenseitig verstärken, auf andere Bereiche übertragen und schließlich mehrere Infrastruktursysteme gleichzeitig beeinträchtigen.
- Wetterextreme
- Globale Erwärmung
- Cyberkriminalität
- Technikversagen und eingeschränkte Technikbeherrschbarkeit
- Geopolitische Konflikte
- Versorgungsengpässe
- Epidemien und Pandemien
- Blackouts
- Biodiversitätsverlust
- Machtkonzentrationen
- Desinformation
Erläuterungen zu diesen systemischen Risiken sind hier abrufbar.
Bei der Analyse der systemischen Risiken stehen zwei miteinander verknüpfter Perspektiven im Fokus: die aktuelle Gefährdungslage und ihre absehbare Entwicklungsdynamik sowie Gefährdungen im Zuge laufender Transformationsprozesse, insbesondere mit Blick auf bestehende Pfadabhängigkeiten und deren Implikationen auf die zukünftige Robustheit und Leistungsfähigkeit des Systems.
Status quo der Gefährdungslagen und Entwicklungsdynamiken: Das Infrastruktursystem Abfall ist durch eine Reihe systemischer Risiken gefährdet, die die einzelnen Systembereiche in unterschiedlichem Maße betreffen. Das Infrastruktursystem Abfall ist bereits heute durch systemische Risiken gefährdet, auch wenn die Gefährdung insgesamt noch als eher gering einzustufen. Einzelne Risiken weisen jedoch ein erhöhtes Gefährdungspotenzial auf. Hierzu zählen insbesondere Wetterextreme, aber auch Technikversagen und eingeschränkte Technikbeherrschbarkeit. Darüber hinaus bergen auch geopolitische Konflikte, Versorgungsengpässe sowie Pandemien und Epidemien derzeit ein erhöhtes Risiko für die Funktionsfähigkeit und Stabilität des Infrastruktursystems. Für die kommenden Jahre ist davon auszugehen, dass für die Mehrzahl systemischer Risiken eine leicht zunehmende bis deutlich steigende Gefährdungslage für das Infrastruktursystem Abfall zu erwarten ist. Wesentliche Treiber dieser Entwicklung sind vor allem der fortschreitende Klimawandel sowie die Zunahme von Extremwetterereignissen. Darüber hinaus dürften der Fachkräftemangel, die fortschreitende Digitalisierung sowie die damit einhergehende Zunahme von Cyberkriminalität die Gefährdungslage künftig zusätzlich verstärken. Für jedes dieser Risiken wird die Gefährdungslage auf Grundlage einer explorativen Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit, des potenziellen Schadensausmaßes sowie der Anzahl der betroffenen Infrastruktursystembereiche bewertet. Die Basis der Einzelbewertungen bilden die ausgewerteten Quellen sowie die geführten Fachgespräche.
Gefährdungslagen im Zuge der Transformation: Das Infrastruktursystem Abfall steht aktuell vor der Herausforderung, drei wesentliche Transformationsziele umzusetzen. Erstens müssen zirkuläre Stoffströme gestärkt werden. Zweitens muss auch darüber hinaus das Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit, insbesondere Klimaschutz, sowie Klimawandelanpassung im Infrastruktursystem Abfall weiter vorangetrieben werden. Mit den ersten beiden Transformationszielen im Zusammenhang stehend muss drittens die digitale Integration und Datensteuerung in der Abfallwirtschaft ausgebaut werden. Die Umsetzung dieser Transformationen ist herausfordernd und kann durch verfestigte Entwicklungspfade (Pfadabhängigkeiten) verzögert oder erschwert werden. Beispielsweise prägen zeitliche Pfadabhängigkeiten die Umsetzung des Transformationsziels zirkulärer Stoffströme im Infrastruktursystem Abfall erheblich: die Abfallwirtschaft (sowie die Industrie) war lange Zeit auf einen linearen, reaktiven oder End-of-Pipe-Ansatz ausgerichtet, bei dem nicht die Vermeidung, sondern der Umgang mit und die Beseitigung von Abfällen im Mittelpunkt stand. Sie ist bis heute durch langfristige Investitionen in entsprechende Technologien und Anlagen mit hohen Fixkosten und jahrzehntelanger Nutzungsdauer geprägt, unter anderem in den Bereichen Sortierung und Aufbereitung sowie Verwertung [2][3]. Auch akteursbezogene Abhängigkeiten beeinflussen die Umsetzung der Transformationsziele. So hemmen wirtschaftlichen Anreize für Betreiber, bestehende Anlagen weiterhin zu nutzen sowie zögerliche Nachfrage nach Kunststoffrezyklat aufgrund von qualitativen Bedenken [4] die Bestrebungen nach ökologischer Nachhaltigkeit. Heterogene IT-Landschaften, fehlende Schnittstellen und mangelnde Datenverfügbarkeit erschweren die Umsetzung des Ziels digitaler Integration und Datensteuerung. Aus der Risikoperspektive bleibt ohne eine gelingende Umsetzung der Transformationsziele die Rohstoffabhängigkeit in Deutschland hoch, die Gefährdung durch die systemischen Risiken Wetterextreme, globale Erwärmung, Cyberkriminalität und Technikversagen vergrößern sich weiter. Ohne eine gelingende Umsetzung von Digitale Integration und Datensteuerung, ist auch die Umsetzung der anderen beiden Ziele gefährdet, da sie eine wichtige Grundlage hierfür darstellt.
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) (2026): Foresight-Report zum Infrastruktursystem Abfall. Kernergebnisse (Autor/innen: Bledow, N.; Kehl, C.; Kahlisch, C.; Evers-Wölk, M.; Riousset, P.). Berlin. https://foresight.tab-beim-bundestag.de/reports/abfall
- Renn, O. et al. (2022): Systemic Risks from Different Perspectives. In: Risk Analysis 42(9), S. 1902–1920, 10.1111/risa.13657
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Jacob, K. et al. (2023): Modell Deutschland: Circular Economy. Öko-Institut e.V.; FU-Berlin, Berlin
- Wilts, H. (2012): National waste prevention programs: indicators on progress and barriers. In: Waste Management & Research: The Journal for a Sustainable Circular Economy 30(9_suppl), S. 29–35, 10.1177/0734242X12453612
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Potrykus, A. et al. (2024): Stärkung des Recyclings technischer Kunststoffe vor dem Hintergrund steigender stoffrechtlicher Anforderungen am Beispiel Elektroaltgeräte und Altfahrzeuge – KUREA. Umweltbundesamt, Dessau-Roßlau