Systemische Risiken und ihre Auswirkungen auf das Infrastruktursystem Staat und Verwaltung
Das Infrastruktursystem Staat und Verwaltung bildet die institutionelle Grundlage für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft sowie für demokratische Teilhabe und rechtsstaatliche Ordnung. Systemische Risiken wirken sowohl unmittelbar als auch mittelbar auf dieses Infrastruktursystem ein und stellen seine Steuerungs- und Koordinationsfunktion vor besondere Herausforderungen. Staat und Verwaltung nehmen eine zentrale Rolle bei der Prävention, Bewältigung und Regulierung systemischer Risiken ein.
Wenn aus einzelnen Störungen systemische Risiken werden
Systemische Risiken betreffen nicht nur einzelne Institutionen, Funktionen oder Akteure. Sie können die Funktionsfähigkeit und Stabilität des gesamten Infrastruktursystems gefährden und dabei auf weitere Infrastruktursysteme übergreifen:
- komplexe und nichtlineare Wechselwirkungen
- Kaskaden- und Verstärkungseffekte
- die Überschreitung geografischer, sektoraler und sozialer Grenzen
- schwer vorhersehbare Wirkungsketten
- mögliche Kipppunkte, an denen sich Veränderungen abrupt verstärken
- eine häufig verzögerte gesellschaftliche Wahrnehmung und Regulierung [1]
Systemische Risiken wirken daher selten isoliert. Durch vielfältige Abhängigkeiten können sich Störungen gegenseitig verstärken, auf andere Bereiche übertragen und schließlich mehrere Infrastruktursysteme gleichzeitig beeinträchtigen. Für das Infrastruktursystem Abfall sind insbesondere die folgenden systemischen Risiken relevant und wurden im Resilienz-Radar genauer analysiert.
- Versorgungsengpässe
- Cyberkriminalität
- Machtkonzentrationen
- Technikversagen und eingeschränkte Technikbeherrschbarkeit
- Geopolitische Konflikte
- Desinformation
- Gesellschaftliche Polarisierung
- Epidemien und Pandemien
- Globale Erwärmung
- Wetterextreme
- Blackouts
- Biodiversitätsverlust
Erläuterungen zu diesen systemischen Risiken sind hier abrufbar.
Bei der Analyse der systemischen Risiken stehen zwei miteinander verknüpfter Perspektiven im Fokus: die aktuelle Gefährdungslage und ihre absehbare Entwicklungsdynamik sowie Gefährdungen im Zuge laufender Transformationsprozesse, insbesondere mit Blick auf bestehende Pfadabhängigkeiten und deren Implikationen auf die zukünftige Robustheit und Leistungsfähigkeit des Systems.
Status quo der Gefährdungslagen und Entwicklungsdynamiken: Das Infrastruktursystem Staat und Verwaltung ist durch eine Reihe systemischer Risiken gefährdet, die die einzelnen Systembereiche in unterschiedlichem Maße betreffen. Die aktuelle Gefährdung des Infrastruktursystems durch die meisten systemischen Risiken ist insgesamt als eher hoch einzustufen. Die Funktionsfähigkeit und Stabilität des Infrastruktursystems werden derzeit vor allem durch Versorgungsengpässe, etwa den Fachkräftemangel und finanzielle Engpässe, aber auch Cyberkriminalität, geopolitische Konflikte und gesellschaftliche Polarisierung gefährdet. In den kommenden Jahren ist von einer weiter steigenden Gefährdungslage auszugehen. Treiber dieser Entwicklung sind die fortschreitende Digitalisierung, anhaltende geopolitische Spannungen und Polarisierungstendenzen in der deutschen Gesellschaft. Zusätzlich verstärken Cyberkriminalität, die wachsende Machtkonzentration privatwirtschaftlicher Akteure und die Verbreitung von Desinformation den Druck auf das Infrastruktursystem. Für jedes systemische Risiko wird die Gefährdungslage auf Grundlage einer explorativen Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit, des potenziellen Schadensausmaßes sowie der Anzahl der betroffenen Infrastruktursystembereiche bewertet. Die Basis der Einzelbewertungen bilden die ausgewerteten Quellen sowie die geführten Fachgespräche.
Gefährdungslagen im Zuge der Transformation: Das Infrastruktursystem Staat und Verwaltung befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel und steht aktuell vor der Herausforderung, drei wesentliche Transformationsziele umzusetzen. Erstens ist die Organisations- und Personalmodernisierung Voraussetzung für die Stärkung der Leistungs- und Zukunftsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung. Zweitens bilden Digitalisierung und technologische Modernisierung die Grundlage für eine effizientere, wirkungsvollere und gegenüber zukünftigen Herausforderungen widerstandsfähigere Verwaltung. Drittens sind aufgrund des Klimawandels umfassende Maßnahmen erforderlich, um die Treibhausgasemissionen des Infrastruktursystems zu senken und damit einen Beitrag zur angestrebten Klimaneutralität Deutschlands bis 2045 zu leisten. Die Umsetzung dieser Transformationen ist herausfordernd und kann durch verfestigte Entwicklungspfade – sogenannte Pfadabhängigkeiten – verzögert oder erschwert werden. Dazu zählen eine unzureichende politische Priorisierung, historisch verfestigte Organisationsstrukturen und Verwaltungskulturen, an bestehenden Systemen orientierte Arbeitsweisen sowie begrenzte digitale Kompetenzen. Hinzu kommen finanzielle und personelle Engpässe sowie langfristige Bindungen durch bestehende Infrastrukturinvestitionen. Aus der Risikoperspektive bleibt ohne eine gelingende Umsetzung der Transformationsziele die Gefahr der Beeinträchtigung der Funktionsfähigkeit hoch, die Gefährdung durch die systemischen Risiken Cyberangriffe, geopolitische Konflikte und gesellschaftliche Polarisierung vergrößern sich weiter. Eine unzureichende Umsetzung von ökologischer Nachhaltigkeit und Klimaneutralität schwächt die Fähigkeit des Infrastruktursystems, gesellschaftliche Entwicklungen aktiv zu gestalten, und führt langfristig zu höheren Ausgaben für die Schadensbewältigung oder den sozialen Ausgleich.
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) (2026): Foresight-Report zum Infrastruktursystem Staat und Verwaltung. Kernergebnisse (Autor/innen: Kahlisch, C.; Kehl, C.; Bledow, N.; Evers-Wölk, M.; Riousset, P.). Berlin. https://foresight.tab-beim-bundestag.de/reports/infrastruktursystem-staat-und-verwaltung/
- Renn, O. et al. (2022): Systemic Risks from Different Perspectives. In: Risk Analysis 42(9), S. 1902–1920, 10.1111/risa.13657