Systemische Risiken und ihre Auswirkungen auf das Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen
Ein robustes und leistungsfähiges Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen ist eine zentrale Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft. Systemische Risiken spielen in diesem Sektor eine besondere Rolle, denn das Infrastruktursystem weist hochkomplexe und teils intransparente (finanzielle) Verflechtungen auf, aus denen erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich des Ausmaßes und der Wahrscheinlichkeit möglicher Auswirkungen resultieren. Zugleich verfügt es über sehr schnelle Reaktionsketten sowie ausgeprägte Verstärkungs- und Hebelmechanismen, insbesondere im Hinblick auf Geldflüsse und Vertrauen.
Wenn aus einzelnen Störungen systemische Risiken werden
Systemische Risiken betreffen nicht nur einzelne Anlagen, Prozesse oder Akteure. Sie können die Funktionsfähigkeit und Stabilität des gesamten Infrastruktursystems gefährden und dabei auch auf weitere Infrastruktursysteme übergreifen. Kennzeichnend für systemische Risiken sind:
- komplexe und nichtlineare Wechselwirkungen
- Kaskaden- und Verstärkungseffekte
- die Überschreitung geografischer, sektoraler und sozialer Grenzen
- schwer vorhersehbare Wirkungsketten
- mögliche Kipppunkte, an denen sich Veränderungen abrupt verstärken
- eine häufig verzögerte gesellschaftliche Wahrnehmung und Regulierung [1]
Systemische Risiken wirken daher selten isoliert. Durch vielfältige Abhängigkeiten können sich Störungen gegenseitig verstärken, auf andere Bereiche übertragen und schließlich mehrere Infrastruktursysteme gleichzeitig beeinträchtigen.
- Geopolitische Konflikte
- Cyberkriminalität
- Machtkonzentrationen
- Technikversagen und eingeschränkte Technikbeherrschbarkeit
- Globale Erwärmung
- Wetterextreme
- Biodiversitätsverlust Versorgungsengpässe
- Versorgungsengpässe
- Gesellschaftliche Polarisierung
- Desinformation
- Epidemien und Pandemien
- Blackouts
Erläuterungen zu diesen systemischen Risiken sind hier abrufbar.
Bei der Analyse der systemischen Risiken stehen zwei miteinander verknüpfter Perspektiven im Fokus: die aktuelle Gefährdungslage und ihre absehbare Entwicklungsdynamik sowie Gefährdungen im Zuge laufender Transformationsprozesse, insbesondere mit Blick auf bestehende Pfadabhängigkeiten und deren Implikationen auf die zukünftige Robustheit und Leistungsfähigkeit des Systems.
Status quo der Gefährdungslagen und Entwicklungsdynamiken: Das Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen ist durch eine Reihe systemischer Risiken gefährdet, die die einzelnen Systembereiche in unterschiedlichem Maße betreffen. Die aktuelle Gefährdung des Infrastruktursystems durch die meisten systemischen Risiken ist insgesamt als mittel einzustufen. Die Funktionsfähigkeit und Stabilität des Infrastruktursystems werden derzeit vor allem durch geopolitische Konflikte, Cyberkriminalität und Machtkonzentration gefährdet. In den kommenden Jahren ist von einer weiter steigenden Gefährdungslage auszugehen. Treiber dieser Entwicklung sind die fortschreitende Digitalisierung, anhaltende geopolitische Spannungen und die voranschreitenden Auswirkungen des Klimawandels. Für jedes systemische Risiko wird die Gefährdungslage auf Grundlage einer explorativen Einschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit, des potenziellen Schadensausmaßes sowie der Anzahl der betroffenen Infrastruktursystembereiche bewertet. Die Basis der Einzelbewertungen bilden die ausgewerteten Quellen sowie die geführten Fachgespräche.
Gefährdungslagen im Zuge der Transformation: Das Finanz- und Versicherungswesen steht aktuell vor der Herausforderung, drei wesentliche Transformationsziele umzusetzen: Erstens wird eine datenbasierte und systemweit ausgerichtete Governance als zentrales Ziel verfolgt, um die zunehmenden Verflechtungen im Finanz- und Versicherungssektor besser zu adressieren. Zweitens wird angesichts der Digitalisierung angestrebt, technologische Souveränität aufzubauen und damit sowohl Innovationspotenziale zu erschließen als auch Risiken – etwa im Bereich der Cybersicherheit – angemessen zu berücksichtigen. Drittens richtet sich das Finanzsystem auf das Ziel aus, den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu unterstützen und zugleich eigene Geschäftsprozesse und Aktivitäten nachhaltig zu gestalten. Die Umsetzung dieser Transformationsziele ist herausfordernd und kann durch verfestigte Entwicklungspfade (Pfadabhängigkeiten) verzögert oder erschwert werden. Dazu zählen historisch gewachsene IT‑ und Datenstrukturen, verfestigte bankenzentrierte Regulierungslogiken, etablierte und nur begrenzt weiterentwickelte Nachhaltigkeitsdaten und Bewertungsstandards, langfristig verfestigte Abhängigkeiten von globalen Technologieanbietern sowie persistente Defizite bei digitalen Kompetenzen. Aus der Risikoperspektive erhöht sich ohne eine gelingende Umsetzung der Transformationsziele das Risiko systemweiter Instabilität sowie das Risiko eingeschränkter Steuerungs- und Eingriffsmöglichkeiten aufgrund fehlender technologischer Souveränität. Auch die Anfälligkeit gegenüber globaler Erwärmung und Wetterextremen kann erheblich steigen
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) (2026): Foresight-Report zum Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen. Kernergebnisse (Autor/innen: Illge, L.; Riousset, P.; Eickhoff, M.; Bledow, N.; Evers-Wölk, M.; Kehl, C.). Berlin. https://foresight.tab-beim-bundestag.de/reports/infrastruktursystem-finanz-und-versicherungswesen/
- Renn, O. et al. (2022): Systemic Risks from Different Perspectives. In: Risk Analysis 42(9), S. 1902–1920, 10.1111/risa.13657