Überblick über aktuelle Trends
Staat und Verwaltung in Deutschland sind durch eine komplexe föderale Struktur geprägt. Zuständigkeiten, Ressourcen und Entscheidungsbefugnisse verteilen sich je nach Politikfeld in unterschiedlicher Weise auf Bund, Länder und Kommunen. Überlagert werden diese Strukturen durch EU-Richtlinien und -Verordnungen sowie internationale Abkommen, die den Handlungsspielraum staatlicher Akteure auf allen Ebenen einschränken.
Diese Mehrebenengovernance führt dazu, dass das Infrastruktursystem Staat und Verwaltung von komplexen internen Steuerungslogiken, multilateralen Abstimmungsprozessen und langfristigen rechtlichen Pfadabhängigkeiten geprägt ist.
Die Ergebnisse der Trendanalyse wurden nach dem STEEP-Raster (sozial, technologisch, ökonomisch, ökologisch, politisch) kategorisiert. Für jede Kategorie wurden auf Basis systematischer Literatur- und Quellenanalyse empirisch nachweisbare Trends identifiziert, die das Infrastruktursystem seit mindestens 3 Jahren maßgeblich prägen. Thematisch verwandte Trends wurden zu Trendclustern zusammengefasst, die jeweils übergeordnete Entwicklungslinien abbilden. Die Cluster orientieren sich an den STEEP-Kategorien, ohne diese strikt abzubilden; Überschneidungen zwischen den Kategorien sind inhaltlich unvermeidbar. Die Kategorie „political“ wird dabei nicht als eigenständiges Cluster ausgewiesen: Politische Trends wirken im Infrastruktursystem Staat und Verwaltung in alle anderen STEEP-Kategorien hinein und sind daher in den beschriebenen Trendclustern jeweils enthalten. Insgesamt lassen sich so vier zentrale Trendcluster unterscheiden:
Digitalse Transformation von Staat und Verwaltung: Parlamente, Ministerien und die öffentliche Verwaltung durchlaufen eine umfassende technologische Modernisierung, die durch erhebliche Investitionen in digitale Infrastruktur und Prozessoptimierung vorangetrieben wird. Diese Transformation findet auf Bund-, Länder- und Kommunalebene statt und zielt auf Effizienzgewinne, bessere Bürgerbeteiligung und schnellere Verwaltungsvorgänge. Gleichzeitig entstehen neue Risiken: wachsende Cyberbedrohungen, kritische technische Abhängigkeiten, Fragmentierung über föderale Ebenen hinweg sowie Diskriminierungs- und Fairnessrisiken durch KI-gestützte Entscheidungsprozesse. Der Trendcluster betrifft alle Bereiche des Systembilds.
Struktureller Wandel des öffentlichen Sektors unter demografischem, personellem und fiskalischem Druck: Der öffentliche Sektor steht vor einer dreifachen strukturellen Herausforderung: einer alternden Belegschaft, einem sich zuspitzenden Fachkräftemangel und strukturell unterfinanzierten Haushalten – besonders auf kommunaler Ebene. Während die Zahl der Beschäftigten steigt, sinkt die personelle Kapazität pro Aufgabe, da Stellen unbesetzt bleiben und die Belastung wächst. Gleichzeitig binden fixe Ausgaben – vor allem für soziale Sicherung und Zinsen – immer größere Anteile der Haushalte, während die Investitionslücken in Bildung, Infrastruktur und Pflege größer werden. Der mit den beschriebenen Trends verbundene Strukturwandel im öffentlichen Sektor betrifft grundlegend die Handlungsfähigkeiten des Staates. Der langfristig wirkende demografische Wandel wirkt auf mehreren Ebenen verschärfend und droht die Funktionsfähigkeit staatlicher Daseinsvorsorge und öffentlicher Dienstleistungen nachhaltig zu gefährden. Diese Entwicklungen wirken quer über Institutionen sowie Bereiche des Systembilds und verändern Kapazitäten, Prozesse und Prioritätensetzung.
Wachsende ökologische Herausforderungen an staatliche Steuerung und Finanzierung: Hohe und zunehmend erfasste ökonomische Belastungen durch globale Erwärmung, Extremwetterereignisse und Auswirkungen des Biodiversitätsverlustes erfordern systematische Lösungen zur Schadensbewältigung und Prävention. Parallel dazu gewinnt die Integration von Klimazielen in staatliche Haushaltsprozesse an Bedeutung, um öffentliche Ausgaben klimawirksam auszurichten und Transparenz über deren ökologische Folgen zu schaffen. Institutionell manifestiert sich dieser Wandel in der Verabschiedung verbindlicher Anpassungsstrategien und Gesetze, die Bund, Länder und Kommunen zur aktiven Auseinandersetzung mit Klima- und Biodiversitätsschutz verpflichten. Zudem wird die öffentliche Beschaffung zunehmend als Hebel für die Förderung von Nachhaltigkeit genutzt, indem Kreislaufwirtschafts- und Umweltkriterien in Vergabeverfahren verankert werden. Die im Trendcluster beschriebenen Entwicklungen betreffen in erster Linie die parlamentarische Steuerung (Haushaltsverhandlungen) sowie Regierungen und Verwaltungen.
Wandel im Verhältnis von Staat und Zivilgesellschaft: Das Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Staat in Deutschland ist in den letzten Jahren deutlich konfliktanfälliger geworden. Das Vertrauen in staatliche Institutionen und politische Prozesse schwindet, was sich in einer Zunahme demokratiekritischer Haltungen in Teilen der Bevölkerung sowie einer als steigend wahrgenommenen gesellschaftlichen Polarisierung zeigt. Diese Entwicklungen werden durch eine verschärfte sicherheitspolitische Bedrohungslage verstärkt, die hybride Risiken wie Cyberangriffe und Desinformation umfasst. Zugleich gewinnen Formate der Bürgerbeteiligung – von digitalen Plattformen bis zu institutionalisierten Bürgerräten – an Verbreitung und werden durch KI-gestützte Funktionen erweitert. Die beschriebenen Entwicklungen berühren zentrale Funktionen von Staat und Verwaltung. Vertrauen in staatliche Institutionen ist für die Legitimität politischer Entscheidungen und die Umsetzung langfristiger Reformen essenziell; gesellschaftliche Polarisierung und Vertrauensverlust gefährden diese Grundlagen. Besonders relevant sind die Auswirkungen auf parlamentarische Steuerung, innere Sicherheit und Verteidigung sowie Regierungen und Verwaltungen.
Zu jedem Trendcluster wurden zusätzlich Emerging Issues identifiziert. Darunter fallen soziotechnische Entwicklungen, die sich noch nicht als Trend konsolidiert haben, aber in der Analyse als potenziell systemrelevant eingestuft wurden. Aufgenommen wurden Zukunftsentwicklungen, die Relevanz für die Resilienz wichtiger Funktionsbereiche des Systems aufweisen könnten, auch wenn ihre Entwicklungsrichtung noch unsicher ist. Ihre Bewertung ist daher mit höherer Unsicherheit behaftet als die der beschriebenen Trends.
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) (2026): Foresight-Report zum Infrastruktursystem Staat und Verwaltung. Kernergebnisse (Autor/innen: Kahlisch, C.; Kehl, C.; Bledow, N.; Evers-Wölk, M.; Riousset, P.). Berlin. https://foresight.tab-beim-bundestag.de/reports/infrastruktursystem-staat-und-verwaltung/