Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen – Kernergebnisse des Foresight-Reports
Das Infrastruktursystem Finanz‑ und Versicherungswesen stellt die zentralen Markt‑ und Intermediärstrukturen bereit, über die Geldflüsse, Risikoverteilung und Kapitalallokation in Wirtschaft und Gesellschaft gesteuert werden. Es bildet damit die finanzielle Basis für Investitionen, Konsum, soziale Sicherheit und die Stabilität des Wirtschaftssystems.
Der Foresight-Report zum Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen bündelt die Ergebnisse des Resilienz-Radars. Beschrieben werden Trendcluster, die die zukünftige Systementwicklung maßgeblich beeinflussen könnten, sowie systemische Risiken und bestehende Pfadabhängigkeiten, die das Erreichen von Transformationszielen erschweren oder unterstützen. Den Abschluss bilden drei Fokusthemen zur vertieften Untersuchung im Resilienz-Check. Eingebunden waren interne und externe Expert/innen.
Auf dieser Microsite finden Sie die Kernergebnisse des Foresight-Reports. Die vollständigen Ergebnisse können Sie demnächst hier herunterladen.
Das Infrastruktursystem ist durch eine Vielzahl von Akteuren geprägt (vgl. Systembild. Mit über 1.500 Kreditinstituten (2021) verfügt Deutschland über eines der größten Bankensysteme weltweit. Neben privaten Großbanken erfüllen auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken die Kernaufgaben Kreditvergabe und Verkauf von Finanzprodukten. Die meisten Institute sind heutzutage Universalbanken, die ein breites Spektrum an Dienstleistungen anbieten. Daneben existieren spezialisierte Banken (zum Beispiel für Baufinanzierung). Einige Finanzdienstleister erweitern ihr Angebot zusätzlich um Versicherungen oder Bausparverträge [1]. Von wachsender Bedeutung im Finanzsystem sind außerdem die sogenannten Schattenbanken [2]. Diese beschreiben Finanzinstitute ohne Banklizenz. Dazu zählen etwa Lebensversicherer, die Immobilienkredite vergeben, oder auch Investment- und Geldmarktfonds sowie Verbriefungsgesellschaften und Wertpapierhändler. Sie unterscheiden sich von Banken dadurch, dass sie das Geld, das sie verleihen, selbst erwirtschaften und nicht ausleihen [3]. Weitere wichtige Akteure dieses Infrastruktursystems sind Börsenhändler und Börsenmakler, die Anlegende und Emittenten beispielsweise auf dem Anleihenmarkt zusammenbringen [4], sowie Rückversicherer. Eine Schlüsselrolle spielen außerdem Zentralbanken, indem sie Geld durch die Ausgabe von Banknoten und Krediten in Umlauf bringen [2].
Zu den zentralen Dienstleistungen des Infrastruktursystems gehören Bank-, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (siehe Systembild). Darüber hinaus sind Aufgaben der Regulierung bzw. Aufsicht zu nennen:
Bankdienstleistungen umfassen die Bargeldversorgung durch den Betrieb von Geldautomaten und gegebenenfalls Filialen, die Abwicklung des Zahlungsverkehrs (Überweisungen, Lastschriften und Kartenzahlungen), das Einlagengeschäft, die Vergabe von Krediten an Privatpersonen und Unternehmen und den Geldhandel auf dem Geldmarkt.
Finanzdienstleistungen decken die Finanz- und Vermögensberatung, die Verwaltung von Vermögen und Geldanlagen, sowie den Handel mit Wertpapieren, Anleihen, Aktien und Derivaten ab, sowie ihre technische und rechtliche Abwicklung.
Versicherungsdienstleistungen sind vertragliche Vereinbarungen, die dazu dienen, das Risiko einer Person oder eines Unternehmens auf die Gemeinschaft der Versicherten zu übertragen. Dazu gehören unter anderem Lebensversicherungen, Sach- oder Schadenversicherung (zum Beispiel Kfz-, Haftpflicht-, Unfall- und Rechtsschutzversicherungen) und die private Altersvorsorge.
Während die Marktaufsicht auf der Bundesebene bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) liegt, erfolgt die systemische Aufsicht durch die Europäische Zentralbank und die Bundesbank. Wichtige behördliche Aufgaben sind außerdem die Verwaltung von Währungsreserven und die Geld- und Kreditpolitik (zum Beispiel Leitzinsentscheidung) zur Sicherung der Stabilität der Währung und zur Aufrechterhaltung der Preisniveaustabilität.
Drei zentrale Transformationsziele konnten für das Infrastruktursystem identifiziert werden:
Systemisch vorausschauende und wirksame Governance: Die Anforderungen an eine systemisch vorausschauende und wirksame Governance ergeben sich aus der zunehmenden Vernetzung, Komplexität und Dynamik des Finanz- und Versicherungssektors. Ein Governancesystem, das in diesem Umfeld wirksam agieren kann, zeichnet sich dadurch aus, dass es systemische Risiken frühzeitig identifizieren und relevante Informationen sektorübergreifend zusammenführen kann. Hierfür werden Strukturen benötigt, die über einzelne Marktsegmente hinausblicken und die Interaktionen zwischen klassischen Banken und Nichtbankfinanzintermediären erfassen. Qualitativ hochwertige Daten, klare institutionelle Zuständigkeiten und abgestimmte Eingriffsmechanismen sind zentrale Voraussetzungen dafür, Risiken nicht nur zu beobachten, sondern ihre potenziellen Auswirkungen im Sinne der Finanzstabilität einschätzen zu können. Governancestrukturen sind dann wirksam, wenn sie Fehlentwicklungen in frühen Stadien erkennen und Schocks so adressieren können, dass die Funktionsfähigkeit und Stabilität des Systems gewahrt bleiben.
Digitalisierung und technologische Souveränität: Der digitale Wandel im Finanz- und Versicherungssektor ist durch tiefgreifende strukturelle Veränderungen gekennzeichnet, die sich unter anderem im Zahlungsverkehr, in Geschäftsprozessen sowie in der Marktarchitektur zeigen. Die zunehmende Bedeutung spezialisierter Fintechs und globaler Technologieunternehmen führt dazu, dass neue Wettbewerbsdynamiken, Abhängigkeiten und Innovationsmuster entstehen. In diesem dynamischen Umfeld können durch einen intensivierten Digitalisierungsprozess im Finanz- und Versicherungssektor Innovationspotenziale entfaltet werden, die eine technologische Souveränität ermöglichen. Aus der wachsenden Bedeutung digitaler Infrastrukturen ergeben sich auch neue regulatorische Herausforderungen, etwa beim Umgang mit internationalen Plattformanbietern oder hinsichtlich interoperabler und sicherer digitaler Finanzarchitekturen. Initiativen wie Open-Banking-Standards oder die Entwicklung eines digitalen Euro stellen Beispiele für Veränderungen dar, die Teil eines umfassenden Strukturwandels digitaler Finanzmärkte sind. Zu den zentralen Aspekten der Digitalisierung des Finanz- und Versicherungssektor gehören nicht nur robuste, resiliente digitale Infrastrukturen, sondern auch eine digitale Finanzbildung der Bürger/innen, die es diesen ermöglicht, neue Technologien kompetent und risikobewusst zu nutzen.
Nachhaltige Finanz- und Versicherungswirtschaft: Nachhaltigkeitsaspekte entwickeln sich zu wichtigen Einflussfaktoren für die Stabilität und Funktionsfähigkeit des Finanz- und Versicherungssektors. Außerdem wirkt die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in die Finanz- und Versicherungswirtschaft als zentraler Hebel, um ökologische und soziale Ziele in wirtschaftlichen Transformationsprozessen zu unterstützen – und so letztendlich auch die langfristige Widerstandsfähigkeit der Realwirtschaft zu sichern. Hintergrund ist, dass eine anhaltende Finanzierung emissionsintensiver oder biodiversitätsschädlicher Aktivitäten die Exponierung des Finanz- und Versicherungssektors und der Realwirtschaft gegenüber physischen Klimafolgen, naturbezogenen Risiken und verschärften regulatorischen Rahmenbedingungen erhöhen kann. Richten Finanz- und Versicherungsunternehmen ihre Geschäftsmodelle, Risikobewertungen und Investitionsentscheidungen stärker auf klimaverträgliche und biodiversitätsfördernde Aktivitäten aus, können sie Finanzierungs- und Investitionsbedingungen schaffen, die mit einem nachhaltigen wirtschaftlichen Strukturwandel kompatibel sind. Zugleich verdeutlichen aktuelle internationale Entwicklungen – etwa das Aussetzen der Aktivitäten der Net‑Zero Banking Alliance –, dass die Dynamik nachhaltiger Finanzpraktiken heterogen verläuft und sowohl beschleunigende als auch abschwächende Impulse bestehen. Dies unterstreicht, dass die Ausgestaltung einer nachhaltigen Finanz- und Versicherungswirtschaft im Zusammenspiel von globalen Marktbedingungen, regulatorischen Rahmenentwicklungen und institutionellen Anpassungsprozessen zu betrachten ist.
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) (2026): Foresight-Report zum Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen. Kernergebnisse (Autor/innen: Illge, L.; Riousset, P.; Eickhoff, M.; Bledow, N.; Evers-Wölk, M.; Kehl, C.). Berlin. https://foresight.tab-beim-bundestag.de/reports/infrastruktursystem-finanz-und-versicherungswesen/
- Dohmen, C. (2024): Aufgaben und Aufbau des Banksystems. Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/finanzwirtschaft/523518/aufgaben-und-aufbau-des-banksystems/ (16.11.2025)
- bpb (o. J.): Akteure auf dem Finanzmarkt. Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/finanzwirtschaft/523205/akteure-auf-dem-finanzmarkt/ (16.11.2025)
- Dohmen, C. (2024): Funktion und Arten von Finanzmärkten. Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/finanzwirtschaft/524094/funktion-und-arten-von-finanzmaerkten/ (16.11.2025)
- Dohmen, C. (2024): Schattenbanken und Hedgefonds. Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/themen/wirtschaft/finanzwirtschaft/523624/schattenbanken-und-hedgefonds/ (16.11.2025)