Überblick über aktuelle Trends
Die Ergebnisse der Trendanalyse wurden nach dem STEEP-Raster (sozial, technologisch, ökonomisch, ökologisch, politisch) kategorisiert. Für jede Kategorie wurden empirisch nachweisbare Trends identifiziert, die das Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen seit mindestens 3 Jahren prägen. Thematisch verwandte Trends wurden zu Trendclustern zusammengefasst, die jeweils übergeordnete Entwicklungslinien abbilden.
Die Cluster orientieren sich an den STEEP-Kategorien, ohne diese strikt abzubilden; inhaltliche Überschneidungen sind unvermeidbar. Insgesamt lassen sich fünf zentrale Trendcluster unterscheiden:
Finanz- und Versicherungsmärkte unter geopolitischem und makroökonomischem Druck: Die derzeitige wirtschaftliche Lage ist durch geopolitische Spannungen, Handelskonflikte sowie eine zunehmende Finanzmarktfragmentierung geprägt. Diese Entwicklungen erzeugen erheblichen makroökonomischen Druck: Protektionistische Tendenzen beeinträchtigen internationale Wertschöpfungsketten, dämpfen Investitionen, erhöhen den Kapitalbedarf des Staates, insbesondere für Verteidigungsausgaben, und verstärken konjunkturelle Unsicherheiten. Diese Entwicklungen belasten die Kapitalmärkte, Banken und institutionelle Anleger, wirken sich auf die Entscheidungen von Finanzmarktteilnehmer/innen aus, können die Liquidität von Finanz- und Versicherungsunternehmen schwächen sowie grenzüberschreitende Finanzgeschäfte erschweren. Hinzu kommt ein Preisverfall bei Gewerbeimmobilien in Deutschland. Dieser übt Druck auf einzelne Banken und Finanzinstitute aus, die einen Schwerpunkt in der Finanzierung von Gewerbeimmobilien haben, sowie auf Versicherungsunternehmen, die als Kapitalanleger tätig sind.
Neue Akteure und zunehmende Risikoübertragung auf Finanz- und Versicherungsmärkten: In allen Bereichen des Infrastruktursystems hat sich die Akteurslandschaft in den letzten Jahren deutlich verändert. Nach einem raschen Wachstum von Fintech-Unternehmen haben sich einige große Firmen auf dem Markt etabliert. Zentrale Finanzierungsfunktionen verlagern sich zunehmend vom traditionellen Bankensektor hin zu alternativen Kapitalgebern. Nichtbankenfinanzintermediäre gewinnen immer mehr an Bedeutung und konkurrieren mittlerweile mit traditionellen Akteuren. Zugleich unterliegen sie weniger strengen Regulierungen. Banken und Finanzunternehmen übertragen zunehmend außergewöhnliche Risiken – etwa aus möglichen Kreditausfällen – an sie. Auch der Transfer von Versicherungsrisiken auf Rückversicherer sowie alternative Formen des Risikotransfers nehmen weiter an Bedeutung zu. Die Risikoverlagerung erhöht die Effizienz beim Risikomanagement, schafft jedoch zugleich neue Vulnerabilitäten. Zugleich wurden neue EU- und internationale Maßnahmen eingeführt und die Aufsicht noch weiter intensiviert, um die Resilienz des gesamten Infrastruktursystems zu stärken.
Finanzielle Teilhabe und Vorsorge im Wandel: Der Finanz- und Versicherungssektor steht auch aus Sicht der Kund/innen vor großen Veränderungen. Die Bedeutung privater Vorsorgelösungen wächst, wodurch die Finanzkompetenzen der Bürger/innen für die Altersvorsorge immer wichtiger werden. Zugleich informieren sich immer mehr Menschen über soziale Medien und sogenannte Finfluencer zu Finanzthemen. Auch die Nutzung von generativer KI für Finanzplanung und Investitionen hat enorm zugenommen, während das Vertrauen in klassische Finanz- und Versicherungsanbieter niedrig bleibt. Diese Entwicklungen erhöhen die Anforderungen an professionelle Finanzberatung, die sich durch eine zunehmende Personalisierung auszeichnet.
Digitale Dienstleistungen (integriert, personalisiert, tokenisiert): Digitale Innovationen verändern die Finanz- und Versicherungsbranche grundlegend: Finanz- und Versicherungsdienstleistungen werden zunehmend online angeboten, in Plattformen oder Apps Dritter integriert und immer stärker personalisiert. Dies wird durch den wachsenden Einsatz künstlicher Intelligenz in der gesamten Branche ermöglicht. Der Markt für integrierte Finanz- und Versicherungsdienstleistungen boomt. Finanz- und Versicherungsmärkte werden zunehmend datengetrieben und automatisiert. Zudem gewinnt die Tokenisierung realer Vermögenswerte an Bedeutung, ebenso wie der Einfluss institutioneller Akteure im Bereich dezentraler Finanzdienstleistungen. Diese technologischen Entwicklungen haben zu einem Anstieg cyberkrimineller Aktivitäten und zu einer verstärkten Abhängigkeit von Drittanbietern geführt.
Naturgefahren als Herausforderung und marktwirtschaftlicher Treiber: Finanz- und Versicherungsunternehmen berücksichtigen Klimarisiken zunehmend als Risikotreiber in ihrer Risikoinventur. Die Schäden durch Extremwetterereignisse nehmen tendenziell zu, was höhere Prämien und einen wachsenden Bedarf an Naturkatastrophenversicherungen zur Folge hat. Der europäische Regulierungsrahmen für die Finanz- und Versicherungsunternehmen wurde in den letzten Jahren verschärft. Parallel dazu wächst die Nachfrage nach nachhaltigen Finanzprodukten wie Green Bonds und ESG-Anlagen, wenngleich sich das Wachstum zuletzt leicht abgeschwächt hat.
Zu jedem Trendcluster wurden Emerging Issues identifiziert, also soziotechnische Entwicklungen, die sich noch nicht als stabile Trends verfestigt haben, aber als potenziell systemrelevant gelten. Berücksichtigt wurden insbesondere Zukunftsentwicklungen, die für die Resilienz wichtiger Funktionsbereiche des Systems bedeutsam werden könnten, deren Entwicklungsrichtung jedoch noch unsicher ist. Die Bewertung dieser Emerging Issues ist entsprechend mit höherer Unsicherheit behaftet als die Einschätzung der etablierten Trends.
Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) (2026): Foresight-Report zum Infrastruktursystem Finanz- und Versicherungswesen. Kernergebnisse (Autor/innen: Illge, L.; Riousset, P.; Eickhoff, M.; Bledow, N.; Evers-Wölk, M.; Kehl, C.). Berlin. https://foresight.tab-beim-bundestag.de/reports/infrastruktursystem-finanz-und-versicherungswesen/